Mia warn dageng! - München 2011

Wie eine selbstverwaltete Subkultur der normativen Stadtentwicklung zum Opfer fiel.

Gleich vorweg, es war nicht das reine Kunst- und Kreativquartier, als das es viele gerne gesehen hätten, hier an der Domagkstraße im Norden Schwabings. Allerdings war man auch immer genötigt, es als dieses hinzustellen, der Legitimation wegen. Neben aller Kreativität war es aber auch Auffangbecken für diverse Strömungen aus unserer so „sauberen“ Münchner Gesellschaft. Wagenburgen, Obdachlose, Querdenker, Ökos, Hippies, Studenten und natürlich Künstler, um dieses Wort endlich auch anzubringen. Und dieses Zusammensein gelang alles ohne eine einzig bezahlte Stelle, beispielsweise eines Sozialarbeiters. Und vor allem für junge Künstler und Kreative, die sich auf dem teuren Pflaster München keine zwei Räumlichkeiten leisten konnten, war es ein ideales Sprungbrett. Sich neben einer Wohnung nämlich auch noch ein Atelier oder ein Studio zu leisten ist in Schickerianien nämlich nur möglich, wenn man schon wer ist, oder wenn die Stadt einen - aus welchen Gründen auch immer - unterstützt. Und da ist sie auch schon im Spiel, die liebe Stadt. Oder sollen wir lieber von einem bürokratischen Wasserkopf aus verschiedensten Referaten sprechen, die sich meist selbst im Weg stehen, wenn es um innovative Konzepte gehen könnte. Aber erst mal zurück zu den „Domagkateliers“ und ihren Ursprüngen, denn Anfangs hatte nämlich die Stadt gar nichts mit diesen „Lebenskünstlern“ zu tun, die sich dort zwischen Mittlerem Ring, Frankfurter Ring und Autobahn angesiedelt haben. Bei den Gebäuden handelte es sich um eine Nazikaserne erster Klasse, die nach all dem Zirkus von der Bundeswehr übernommen und schließlich Stück für Stück an zivile Nutzer zwischenvermietet wurde. Darunter viel Gewerbe, wie Werkstätten, Lagerhallen, Kantinen, aber auch ein indischer Tempel und ein Fetischclub. Die Künstler hatten ca. 8 Häuser angemietet, die meisten wurden von gegründeten Kunstvereinen verwaltet, Vertragspartner war das Bundesvermögensamt, also nicht die Stadt. Es war ein großzügiges Gebiet, mit viel Grünfläche zwischen den Häusern und hübschen kleinen Straßen und Wegen. Durch minimale Zuständigkeit der Obrigkeit waren Wiesen, Bäume und Büsche über die Jahre recht frei gewachsen, so dass sich sogar reichlich Tiere, wie Hasen oder Eichhörnchen, dort pudelwohl fühlten. Manch einer zog gerne den Vergleich vom gallischen Dorf im römischen Reich. Nicht zu vergessen die Diskothekenmeile gleich am Eingang der Domagkstraße, wo beispielsweise die Alabamahalle jahrelang bespielt wurde. Zuletzt seien noch die Bundeswehrler erwähnt, die sich auch noch in einigen Häusern dem Bundesgrenzschutz gewidmet haben. Und wenn in München mal wieder Sicherheitskonferenz war, dann war die Kaserne voll mit Sondereinsatzkommandos. Nur zum Übernachten versteht sich. Denn zwischen Künstlern und Soldaten ging es eigentlich immer recht harmonisch zu, da traf man sich schon mal beim Jugoslawen, grüßte zum Nachbartisch, oder es verlief sich mal ein Grüner abends ans Lagerfeuer.




Die riesigen Freiflächen in und um die Häuser animierten die Kreativen natürlich zu diversen Aktionen wie Feste, Ausstellungen, Installationen oder einfach zu Volleyball oder Fußball. Es gab beispielsweise in Haus49 eine Dachgalerie von ca. 800 qm, die man für nahezu Null Euro Miete bespielen konnte oder extrem spannende Kellerbunker, die sich ideal für Musikveranstaltungen und Übungsräume nutzen ließen. Natürlich gab es auch Spannungen und Reibungen zwischen den verschiedenen Mietern. Wenn die Industriedesigner neben den Malern und der neben den Musikern und die wieder neben den Studenten und die dann wieder neben den Bildhauern Tür an Tür hausten, und das zu vierzigst in einem Haus auf zwei Stockwerken, da ist schon was geboten. Zwei Gemeinschaftsküchen und zwei Gemeinschaftssanitäranlagen pro Haus und das dann alles selbstorganisiert, das klappt mal mehr und mal weniger und hat auch so manchen in den Wahnsinn getrieben. So spannend Selbstorganisation und Freiheit ist, so schwerfällig kann sie auch werden. Leider mussten einige sehr idealistische Individuen, die sich für die ehrenamtliche Vereinsführung geopfert haben, letztlich mit ihrer Gesundheit bezahlen. Denn den Umgang mit Freiheit lernt man in unseren Schulen ja eher nicht. Nichts desto Trotz waren es aber Aufgaben, an denen auch viele Leute enorm gewachsen sind und gelernt haben.
Das jährliche Highlight waren natürlich die „Domagkateliertage“. Frei nach dem Motto: Tag der offenen Türen, öffneten ca. 80% der Leute ihre Ateliers. Und mit einem Schlag waren den Besuchern von „draußen“, aber auch den Leuten von „innen“ Einblicke gewährt, die so kein Planungsbüro jemals hervorzaubern hätte können. Zusatzausstellungen und Bühnen mit Konzerten, Performances und Theater bereicherten die Angelegenheit noch um ein Vielfaches. Kulinarische Köstlichkeiten, das Biergartengefühl, zusammen mit internationalster Geselligkeit machten die Tage zu einem einzigartigen Festival über vier Tage.
 
Wenn jetzt aber der Eindruck entstanden ist, es handelte sich hier nur um lebenslustige Bummelanten, die keinen Sinn für die Realität und/oder Zukunft hätten, weit gefehlt. Über Jahre haben die klügsten Köpfe dieser „größten Künstlerkolonie Europas“ auf den Tag hingearbeitet, an dem es heißen würde: „Schluss mit der Gaudi“, jetzt kommt die Planungswalze. Gute konstruktive Konzepte wurden ausgearbeitet und auch an kompetenter und prominenter Unterstützung hat es nicht gefehlt. Selbst ein Herr Ude hat es sich auf die Fahnen geschrieben, diesem ungeheuren Potenzial Rechnung zu tragen, wenn es um die Neuplanung des Areals geht. Man werde die Künstler mit einbeziehen in die Neugestaltung. Und den Kreativen war durchaus bewusst, dass man Kompromisse eingehen wird müssen, denn so viel Baugrund in München ist einfach zu wertvoll, um ihn dauerhaft völlig dem Druck der Verwertung zu entziehen. Doch leider ist von all den Versprechungen - die sogar schriftlich festgehalten worden sind- nicht mehr als ein Mückenschiss übrig geblieben. Die Heuchelei nahm ungeahnte Züge an, in dem das Kulturreferat sogar eine Protestaktion der Kreativen als Werbephoto für ihr „neues“ Kreativquartier verwendete, ein aufgetürmter Marterpfahl aus gestalteten Brettern mit Schriften, was die Leute vermissen werden. 
 
Jenes „neue“ Kreativquartier besteht nun letztlich aus einem einzigen saniertem Haus, jenes Haus50, welches ca. 5m von der Autobahn entfernt steht, somit einen optimalen Lärmschutz für das attraktive neue Wohngebiet darstellt, an der Stelle also, an der man wahrscheinlich sowieso keinen Investor gefunden hätte. Gleichzeitig hat man noch sein öffentliches Gesicht gewahrt, man hat ja einige der Künstler rüberretten können. Ca.300 sind aber leider auf der Strecke geblieben, nachdem man einen spalterischen Prozess durchgeführt hat und die städtische Jury darüber hat entscheiden lassen, wer der Stadt gut zu Gesicht steht. Man hat sich auch nicht die Mühe gemacht, die „rausgefallenen“ vielleicht in anderen städtischen Gebäuden unterzubringen, die ja bekanntlich zu Genüge leer stehen, geschweige denn ein Gespräch gesucht..

Und was lernen wir daraus?

Jahre an ehrenamtlicher Arbeit, Mitgestaltung, Bemühung um Dialog und konstruktiver Zusammenarbeit mit der Politik, immer in Vertrauen und Hoffnung nicht nur auf Menschlichkeit, sondern auch auf Klugheit und das Erkennen von Potenzial haben erkennen lassen: Vergiss es! Wenn sie nicht wollen, schmeißen sie dich innerhalb von sechs Wochen auf die Straße, mit lächerlichen Vorwänden und kaltbürokratischer Gesichtslosigkeit. Und wenn man nicht einmal in seinem unmittelbaren Lebensumfeld mit allen Mitteln einer scheinbar mitbestimmlich oder demokratischen Ordnung etwas reißen kann, wie soll man da an eine größere Demokratie mit Papa Staat glauben.

In ein paar Jahren wird vom einstigen Zauber nicht mehr die Rede sein und einige werden sich ärgern, nicht mehr TamTam gemacht zu haben. Denn an Besetzungen wie vielleicht in Berlin hat man nur mal ganz am Rande nachgedacht. In München ja auch wirklich ein heisses Vorhaben. Zumindest kommen nicht nur Bürokomplexe an die Domagkstraße, sondern auch Wohngebäude, Schule, Kindergarten, Jugendzentrum und sogar ein kleiner Park. Natürlich vom Reißbrett..

 
Artikel erschienen im Gaudiblatt Nr.11
 

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